24 Stunden als … Kaufmann/Kauffrau für Versicherungen und Finanzen

Versicherungen sind spießig und langweilig? Ganz und gar nicht.

Ich arbeite bei einer großen Versicherung in Köln im Innendienst. Ich fahre also nicht raus zu den Kunden, um Verträge abzuschließen, sondern verwalte das Ganze im Anschluss.

Eigentlich trifft es das nicht ganz, ich fange nämlich noch später an. Dann, wenn etwas passiert ist und der Kunde die Versicherung in Anspruch nehmen muss: ich bearbeite Schäden.

Und um ganz genau zu sein: ich bearbeite Hausrat-, Wohngebäude- und Glasschäden.

Kleines Beispiel gefällig?

• Jetzt wo die Tage wieder kürzer werden wird bei Ihnen eingebrochen. Sämtlicher Familienschmuck, Laptop und das gesparte Geld für den Urlaub werden gestohlen. Die Terrassentür wird aufgebrochen, außerdem noch der Schrank, in dem Sie das Geld verstaut hatten.

• Im Badezimmer im Obergeschoss bricht eine Wasserleitung. Sie sind übers Wochenende bei Freunden. Als Sie am Sonntag die Wohnungstür öffnen, stehen 5cm Wasser in der Wohnung. Sämtliche Möbel sind aufgequollen. Da außerdem das Haus saniert werden muss, müssen Sie für acht Wochen ins Hotel ziehen.

Damit beschäftige ich mich den ganzen Tag. Ich habe diverses (Halb-)Wissen in allen möglichen Bereichen: Wasserleitungen, Dächer, Schimmelbekämpfung, Gesetze, Abläufe bei der Polizei, Physik (Gewitter und deren Auswirkungen), Psychologie und vieles mehr.

• Ich beruhige Menschen, bei denen eingebrochen wurde und die sich nicht mehr sicher fühlen.

• Ich tröste Kunden, deren Haus abgebrannt ist.

• Ich überlege zusammen mit Kunden, wie wir das Bad am besten neu fliesen.

• Ich streite mich mit Rechtsanwälten, ob wir jetzt 12 oder 13 EUR/Stunde fürs Wasseraufwischen nach einen Rohrbruch zahlen.

• Ich leite Regresse gegen Täter ein, wenn die Polizei diese nach einem Einbruch ermittelt hat und fordere da das Geld zurück.

• Ich prüfe Kostenvoranschläge und diskutiere mit Handwerkern, ob nach einem Sturm wirklich das ganze Dach neu gedeckt werden muss.

Mein Arbeitsalltag

Ich habe also einen sehr abwechslungsreichen Job. Und der sieht meistens so aus:

Da ich flexible Arbeitszeiten habe, stehe ich je nachdem wie lange ich wach war, zwischen 6:00 Uhr und 9:00 Uhr auf .

Einen Anzug muss bei uns keiner anziehen, ich krame eine Jeans und T-Shirt aus dem Schrank, Kaffee und los.
Mein Büro ist im fünften Stock mit Blick auf einen Park. Das Büro teile ich mir mit meinem kompletten Team: insgesamt sind wir 15 Kollegen.

Ich arbeite also in einem Großraumbüro. Da wir uns aber alle gut verstehen und Rücksicht nehmen, klappt das ganz gut 😉 Weil wir viele verschiedene Vertragsbedingungen haben und jeder Schaden anders ist, ist es auch gut, dass immer ein Kollege in der Nähe ist, den man auch mal nach seiner Meinung fragen kann.

Mein Tag startet immer gleich: erstmal Mails checken und sichten. Unterlagen zu Schäden leite ich in die jeweilige (elektronische) Schadenakte weiter. Außerdem schickt meine Teamleiterin jeden Morgen eine Mail mit den wichtigsten Infos für den Tag rum. Wer macht was, gibt es Besonderheiten, wer ist krank, ist irgendetwas geplant.

Wir arbeiten in einem (fast) papierlosen Büro. Alle Schadenakten sind elektronisch in einem System hinterlegt.

Hierdrüber kann ich alles machen: Schäden anlegen, bearbeiten, auszahlen und schließen. Auch Sachverständige kann ich so beauftragen.

Die Kunden können uns Schäden auf verschiedene Arten melden: telefonisch, per Mail, per Brief, per Fax oder online.

Alle Schäden die schriftlich eingehen, werden am Tag drauf morgens an alle Sachbearbeiter verteilt. Diese müssen dann angelegt werden.

Damit beginnt quasi mein Tag. Ich lege die Neuschäden an. Manche kann ich direkt zahlen, z. B. wenn ein Fahrrad gestohlen wurde und alle Unterlagen mitgeschickt wurden, bei anderen muss ich erst noch weitere Unterlagen anfordern.

Das Telefon: mein bester Freund

Da es für die Schadenabteilung bei uns keine Hotline gibt, landet der Kunde wenn er anruft immer direkt bei uns in der Fachabteilung. Wir telefonieren also sehr viel. Und das mit vielen verschiedenen Menschen. Im Durchschnitt habe ich ca. 40 Telefonate pro Tag.

Und das parallel zur der eigentlichen Schadenbearbeitung 😉 Hier ist Multi-Tasking gefordert. Aber so wird es auch nie langweilig.

Wir sind telefonisch jeden Tag von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr erreichbar. Damit auch freitags um 19:00 Uhr noch jemand hier ist, haben wir einen Telefonplan 😉 Ungefähr alle zwei Wochen habe ich also Telefondienst und Spätschicht.

Der Telefonplan regelt auch telefonfreie Zeiten am Tag. Wenn ich tatsächlich acht Stunden pro Tag telefonieren würde, käme vermutlich nicht viel dabei rum. Ich komme auf ungefähr zehn Stunden in der Woche, an denen mein Telefon „offen“ ist. Die restliche Zeit erreichen mich nur diejenigen, die mich direkt anwählen und nicht über unsere allgemeine Telefonnummer reinkommen.

Nachdem ich alle Neuschäden (meistens so zwischen fünf und zehn pro Tag) angelegt habe, fange ich an in meinem Bestand zu arbeiten.

Jeder Sachbearbeiter hat seine eigenen Schäden. Wenn ich also telefonisch einen Schaden aufnehme oder schriftlich anlege, gehört der Schaden mir.

Wir führen aber eine sehr ausführliche Akte. Alles was ich mit dem Kunden vereinbart habe, notiere ich hier. Wenn ich also nicht da bin oder gerade telefoniere, kann auch jeder andere Kollege weiterhelfen.

Alles was an Folgepost rein kommt, landet in meinem virtuellen Postkorb. Wir arbeiten von alt nach neu, die ältesten Sachen werden also zuerst bearbeitet. Wie alt die Sachen sind, hängt immer vom Arbeitsstand ab 😉

Das liebe Wetter

Wir sind in Sachschaden sehr stark vom Wetter abhängig. Wenn es einen Sturm gab und viele Sturmschäden gemeldet wurden, sind wir auch schon mal zwei Wochen im Rückstand.

Jeder von uns „Schädlingen“ guckt bei Stürmen (Sturm- und Hagelschäden) oder Gewittern (Überspannungsschäden) ängstlich in den Himmel und hofft, dass es nicht zu schlimm wird.

Sie erinnern sich bestimmt noch an das Elbehochwasser 2013. Das war mein bislang größtes Unwetterereignis. Ich arbeite übrigens seit 2012 im Unternehmen und in dieser Abteilung.

Während solcher Ausnahmesituationen (auch Pfingststurm Ela 2014) läuft natürlich alles ein bisschen anders.

Vorrangig ist immer das Telefon. Eine schriftliche Bearbeitung findet in den ersten Tagen gar nicht statt. Wir telefonieren dann tatsächlich acht Stunden am Stück und nehmen nur Schäden auf. Das ist ganz schön anstrengend aber auch sehr wichtig, denn viele Menschen sind überfordert mit der Situation und wissen gar nicht, was sie jetzt machen dürfen/sollen.

Fast gleichzeitig wird dann ein SEK (Sondereinsatzkommando J ) gebildet. Dieses besteht aus einem erfahrenen Mitarbeiter und ca. zehn eigentlich fachfremden Mitarbeiter aus anderen Abteilungen, die in ruhigen Zeiten geschult werden.

Das SEK legt im ersten Schritt die schriftlichen Neuschäden an und steigt dann auch in die Folgebearbeitung ein.

Die Unwetterschäden lege ich nicht auf mich an, dafür gibt es einen extra Postkorb. Hier werden dann alle Unwetterschäden gesammelt. So behalten wir den ultimativen Überblick.

Durchschnittlich sind wir etwa vier Monate mit einem Unwetter beschäftigt. Danach wird es langsam ruhiger.

Im Moment ist es gerade ruhig. Mal gucken, was uns der Herbst so bringt.

Hilfreiche Eigenschaften

Grundsätzlich sollten Sie Spaß daran haben, anderen Menschen zu helfen.

Gelassenheit ist auch sinnvoll, manchmal wollen Kunden einfach nicht verstehen, dass wir eine Versicherung und nicht die Wohlfahrt sind.

Gerade in Unwettersituationen ist auch Einsatz gefordert. Ohne Überstunden (die bezahlt werden) und auch Samstagsarbeit können wir keinen Sturm bewältigen.

Hilfreich ist es auch, wenn Sie Interesse am Handwerk haben. Die Kenntnisse dazu eignet man sich recht schnell an, wenn es für Sie aber nichts langweiligeres als Hausdächer und Wasserrohre gibt, ist die Schadenbearbeitung vielleicht nicht das Richtige.

Der Job ist sehr abwechslungsreich. Kein Tag ist wie der andere, kein Schaden wie der vorherige. Trotzdem sitzt man den ganzen Tag vor dem PC, das sollte Ihnen bewusst sein.

Infos zur Ausbildung finden Sie auch hier. Der Beruf heißt korrekt übrigens Kaufmann/Kauffrau für Versicherungen und Finanzen. Bei mir die Fachrichtung Versicherungen.

Meine beruflichen Erfahrungen mit ADS

Neben meiner normalen Arbeit als Sachbearbeiterin betreue ich auch unsere Azubis. Die Ausbildung in unserem Unternehmen ist in Lerngruppen organisiert. Unsere Azubis (meistens acht pro Lehrjahr) lernen also alle zusammen in einem Büro und die Ausbilder rotieren alle zwei Monate.

Anfangs erläutern wir die theoretischen Grundlagen und erklären das Computer-System. Danach arbeiten die Azubis selbstständig.

Im letzten Ausbildungsjahr haben die Azubis Praxiseinsätze und sitzen mit in den Teams.

Unser Praxiseinsatzazubi letztes Jahr hat ADS.

Wir haben uns schon in der Lerngruppe zusammengesetzt und darüber gesprochen. Gerade am Anfang der Ausbildung ist es für alle Azubis schwierig, sich zu konzentrieren und acht Stunden bei der Sache zu bleiben.

Aber nach zwei Jahren Ausbildung, in der alles sehr locker abläuft, war es überhaupt kein Problem mehr, sich auch im Team zurechtzufinden.

Jeder Mitarbeiter kann zwischendurch Pausen machen und sich die Arbeit so einteilen, wie er möchte.

Wenn also nach einer Stunde arbeiten die Konzentration weg war, ist unser Azubi einfach mit ins Telefon gegangen und hat eine Stunde telefoniert. Dabei ist keine so hohe Konzentration gefordert und die Zeit geht sehr schnell rum.

Wir haben viele Mitarbeiter, die nur bestimmte Schäden bearbeiten oder nur telefonieren. Jeder macht das, was er am besten kann.

Und wenn mal gar nichts mehr geht: dank der flexiblen Arbeitszeit OHNE Kernarbeitszeit können wir auch schon um 12 Uhr Feierabend machen 😉

2 Gedanken zu “24 Stunden als … Kaufmann/Kauffrau für Versicherungen und Finanzen

  1. Hey Anni, das hört sich gut an. Ich bin 20 Jahre alt und habe einen Verdacht auf ADS und auch meine Schwierigkeiten einen perfekten Beruf zu finden. Aber deine Tätigkeit spricht mich echt an.
    Ich habe jedoch gehört, dass viele Arbeitsplätze derzeit im Innendienst abgebaut werden. Wie sieht es bei der Firma aus, bei der du arbeitest? Wo arbeitest du, wenn ich Fragen darf?

    1. Hallo, im Moment werden tatsächlich in der Versicherungsbranche Stellen abgebaut. Das betrifft aber vor allem „einfache“ Tätigkeiten wie zum Beispiel Schriftgutbearbeitung von Anträgen etc., die sogenannte 1.Level Bearbeitung. Diese werden in den großen Konzernen zusammengelegt. Was ich mache ist quasi im 2.Level. Und da werden Mitarbeiter gesucht! Alle Versicherungen haben in den nächsten 2-6 Jahren ein großes Demografie- und Nachwuchsproblem, vor allem in den Schadenbereichen.

      Einzige Voraussetzung ist eine gute Ausbildung. Und ausgebildet wird immer. Bei uns wird auch eigentlich jeder Azubis übernommen.

      Du kannst mich gerne anschreiben, dann erzähle ich dir in welchem Konzern ich arbeite 😉 -> info@reisenistnett.de

      LG Anni

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